PODIUM Freies Theater 05

06. bis 12. Juni 2005
Theater Garage Erlangen

Pressespiegel

Erlanger Nachrichten Do 9. Juni (bühnenknechte)

Berühmtes Mädchen im Metallkäfig

„Iphigenie auf Tauris" beim Podium

Plopp! Fumpp! Es knallen die Bügelverschlüsse der Bierflaschen, man trinkt, lümmelt rum, rezitiert sich warm und wartet - darauf, dass das Spiel losgeht. Schließlich ist es soweit: Iphigenie nimmt Aufstellung, Thoas geht in Position, und Orest und Pylades stellen sich erstmal schlafend. Die Tonspur gibt dann ohrenbetäubende Kriegsgeräusche von sich, Thoas wettert sich in Fahrt, und Iphigenie macht auf blütenweißes Unschuldslämmchen. Mit Johann Wolfgang von Goethe hat diese „Iphigenie auf Tauris" nicht (mehr) viel zu tun, mit Stück-durch-die-Mangel-Dreher Rainer Werner Fassbinder schon mehr, und ganz viel mit den „Bühnenknechten". Die haben nun die Fassbinder'sche Goethe-Bearbeitung beim „Podium" aufgeführt.

Ruppig und laut

Fantastisch verknappt kommt hier das klassizistische Drama daher, ruppig, laut, roh, und doch irgendwie echt. Regisseur Uwe Scheer langt in die Vollen und drückt diese aus - und siehe da, die Essenz genügt für 50 Minuten spannungsvolles, beinahe über die Maßen ambitioniertes Theater. Auf der Bühne der Garage geht's minimalistisch zu: Im Metallkäfig steht Iphigenie, die Männer balzen um sie herum oder wachen über sie, je nachdem. Überhaupt erscheint die Sprache hier gerupft, Orest und Pylades treten als Dialekt-Spezln auf, und Thoas stößt fast nur Drohungen aus. Allein Iphigenie artikuliert - als ausgleichende Vermittlerin - treulich und rein.

Sinneseindrücke, wohin man sieht und hört: Stroboskap-Blitze zucken, die Videoleinwand zeigt ein verwackelt-verwaschenes Kriegsszenario (und stellt im Verbund mit Orests gebetsmühlenhaft vorgetragenem Kerker-Monolog den etwas bemühten Politwillkür-Bezug zu heute her), und Soundspezialist Robert Stephan untermalt und akzentuiert das Geschehen mit ironisierenden Hammondorgel-Klängen. Nicht Goethe, sondern Fassbinder - und moderne Dramaturgie. Regie-Theater kann sehr wohl spannend sein. (Weitere Aufführung am Freitag, 10. Juni, um 19 Uhr in der Garage.)

mko

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